Die Schulung HV-Komponenten ist das technische Herzstück der Qualifizierung zur Fachkundigen Person Hochvolt (FHV) nach DGUV Information 209-093. Wer eigenständig an Elektro- oder Hybridfahrzeugen arbeiten will, muss nicht nur die Fünf Sicherheitsregeln beherrschen – er muss verstehen, wie HV-Komponenten aufgebaut sind, wie sie funktionieren und welche spezifischen Gefahren von ihnen ausgehen.
Was sind HV-Komponenten nach DGUV 209-093?
Die Norm definiert in Abschnitt 2, Nr. 2 präzise:
„HV-Komponente: stellt in Fahrzeugen eine Spannung gemäß Definition ‚Hochvolt' bereit oder wird mit dieser Spannung betrieben."
Hochvolt umfasst dabei Spannungen über 60 V Gleichspannung (DC) oder über 30 V Wechselspannung (AC) – deutlich oberhalb der Berührungsschutzschwelle für den menschlichen Körper (UNECE R100). Zu den typischen HV-Komponenten in modernen Fahrzeugen zählen:
- Traktionsbatterie: Lithium-Ionen-Energiespeicher, typisch 300–800 V DC
- Inverter / Wechselrichter: Wandelt DC in dreiphasigen AC für den Elektromotor
- DC/DC-Wandler: wandelt die Spannung vom HV-Netz galvanisch getrennt in eine 12-14,7 V-Bordnetzspannung um.
- On-Board-Charger (OBC): Lädt die Traktionsbatterie aus dem AC-Netz
- Elektromotor: Drehstromasynchron- oder Synchronmaschine
- HV-Kabel und -Leitungen: Verbindung zwischen HV- Komponenten.Wichtig Orangen Isolierung
- Service-Disconnect-Stecker: Sicherheitstrenneinrichtung für Wartungsarbeiten
Warum reicht die Sensibilisierung nicht aus?
Von verbauten HV-Komponenten geht in Serienfahrzeugen unter normalen Bedingungen keine elektrische Gefahr aus – so die DGUV 209-093 in Abschnitt 5.1.1. Doch bei Reparatur- und Servicearbeiten ändert sich das grundlegend: Der Techniker kommt in den Gefährdungsbereich, muss das HV-System freischalten, die Spannungsfreiheit nachweisen und anschließend kontrolliert mit HV-Komponenten arbeiten.
Die Norm ist eindeutig: „Arbeiten an HV-Systemen im spannungsfreien Zustand dürfen nur von Fachkundigen Personen (FHV) oder unter Leitung und Aufsicht einer FHV durchgeführt werden." (Abschnitt 5.1.4)
Stufe 2S vs. Stufe 2E: Was ist der Unterschied?
Das Qualifizierungsmodell der DGUV 209-093 unterscheidet zwei parallele Entwicklungslinien:
Stufe 2S ist für Arbeiten an Serienfahrzeugen konzipiert – also für Kfz-Werkstätten, Händlerbetriebe und Fuhrparkwerkstätten. Sie qualifiziert für alle Arbeiten im spannungsfreien Zustand an Fahrzeugen, die bereits in Serienproduktion sind.
Stufe 2E gilt für den Bereich Forschung, Entwicklung und Produktion – also für Arbeiten an Prototypen, Vorserienfahrzeugen und im Fertigungsprozess vor dem offiziellen Produktionsstart (SoP). Beide Stufen sind Voraussetzung für die höchste Qualifikationsstufe (3S bzw. 3E).
Was wird in der HV-Komponenten-Schulung gelehrt?
Die Qualifizierungsinhalte für Stufe 2S sind in Anhang 6 der DGUV 209-093 detailliert festgelegt. Für Stufe 2E gelten die Inhalte aus Anhang 4. Folgende Themenbereiche sind verpflichtend:
Elektrotechnische Grundkenntnisse
Gleichspannung, Wechselspannung, Ohmsches Gesetz, Reihen- und Parallelschaltungen, elektrische Leistung. Spannungsquellen: Lithium-Ionen-Batterien, NiMH-Akkus, Supercaps, Brennstoffzellen. Messgeräte: digitale Multimeter, zweipolige Spannungsprüfer nach DIN EN 61243-3, Isolationsmessgeräte. Ab Einstieg A
HV-Konzept und Fahrzeugtechnik
Aufbau und Funktion der HV-Komponenten im Gesamtsystem. Hybridantriebe, Elektrofahrzeuge, Brennstoffzellenfahrzeuge. Sicherheitsschleife (Interlock/Pilotlinie), Schutzpotenzialausgleich, Isolationsüberwachung. Kennzeichnungen nach Fahrzeugnormen und DGUV-Vorschriften.
Elektrische Gefährdungen und Erste Hilfe
Wirkung des Stroms auf den menschlichen Körper (Reizschwellen, Loslassschwelle, Herzkammerflimmern, Verbrennungen). Erste Hilfe bei Stromunfällen, Verhalten im Brandfall, Unfallmeldung.
Die Fünf Sicherheitsregeln
Freischalten – Gegen Wiedereinschalten sichern – Spannungsfreiheit feststellen – Erden und Kurzschließen (eingeschränkt bei HV-Fahrzeugen) – Benachbarte Teile abdecken. Die Norm betont ausdrücklich: Bei HV-Fahrzeugen dürfen Energiespeicher nicht kurzgeschlossen werden – fahrzeugspezifische Herstellerangaben sind zwingend zu beachten.
Persönliche Schutzausrüstung (PSA)
Zum Beispiel: Isolierende Handschuhe nach EN 60903 (Klasse 0 für bis 1.000 V AC / 1.500 V DC), VDE-geprüftes Werkzeug nach EN 60900, CAT-III-Messgeräte nach IEC 61010.
Praktische Übungen (Pflicht)
Die Norm schreibt ausdrücklich vor, dass alle Teilnehmenden praktische Übungen durchführen müssen. Diese umfassen:
- Freischaltprozess am realen Fahrzeug durchführen
- Service-Disconnect-Stecker ziehen, sichern und kontrolliert wieder einsetzen
- Spannungsfreiheit mit zweipoligem Spannungsprüfer nachweisen
- Isolationsmessungen und Potenzialausgleichsmessungen
- Tausch von HV-Komponenten im spannungsfreien Zustand
Zeitlicher Umfang der Schulung (1 UE = 45 Minuten)
Die DGUV 209-093 legt je nach Vorbildung folgende Mindestumfänge fest und ist Unterschiedlich bei E und S. Hier am Beispiel der Qualifikation S :
- Einstieg A (technische Ausbildung, keine Elektrokenntnisse): mindestens 80 UE, davon mind. 8 UE Praxis
- Einstieg B (Kfz-Mechatroniker, Kfz-Elektriker, Kfz-Mechaniker): mindestens 16 UE, davon mind. 8 UE Praxis
- Einstieg C (elektrotechnische Ausbildung): individuell, mindestens 8 UE Praxis
Besonderheit: Kfz-Mechatroniker, die ihre Ausbildung nach der Verordnung vom 14. Juni 2013 erfolgreich abgeschlossen haben, besitzen die Fachkunde nach Stufe 2S bereits durch ihre Ausbildung – benötigen jedoch regelmäßige Auffrischungsschulungen.
Zertifikat und Nachweis
Die Schulung wird mit einer theoretischen und praktischen Prüfung abgeschlossen. Das Zertifikat (Musterzertifikat in Anhang 8 der DGUV 209-093) enthält: Name des Ausbildungsträgers, Lehrgangsinhalte mit Stundenangaben, Auflistung der praktisch geschulten Fahrzeugsysteme sowie die Unterschrift der Lehrgangsleitung.
Die Fachkenntnisse müssen durch regelmäßige Teilnahme an Schulungen auf aktuellem Stand gehalten werden. Die jährliche Unterweisung ist für alle Stufen gesetzliche Pflicht. Informationen zu unserer Schulung Stufe 2S und Schulung Stufe 2E sowie zum Inhouse-Angebot finden Sie auf unserer Website.